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Ja, wie kommt man eigentlich zu einem Lebenshof?
Manchmal ergibt sich so etwas “einfach so”. Wenn die inneren und äußeren Vorraussetzungen stimmen. Die Räumlichkeiten waren da, ein Areal von knapp 3000 qm, das aber inzwischen seine Begrenztheit spüren lässt, und der innere Bezug zu Tieren war vorhanden.
Angefangen hat alles mit “Flitschemännchen”. Flitschemännchen war, als es zu mir kam, ein kleines halbtotes Stockentenküken, das ich einigen jungen Burschen abgeschwatzt hatte, die es gegen einen Baum werfen wollten. Das Entenkind erholte sich unerwartet schnell, lebte später am Teich auf der heimischen Wiese und brütete im nächsten Frühjahr ein Gelege mit vier Eiern aus.
So kamen vor vielen, vielen Jahren die Halb-Wildenten zu uns, deren Nachkommen sich immer noch auf dem Gelände herumtreiben und versorgen lassen. Mal sind es mehr, mal weniger.
Zur Zeit von “Flitschemännchen” kam auch die “große Eselei”. Ich wurde von Freunden gefragt, ob ich nicht vorübergehend eine junge Not-Eselstute aufnehmen könnte. Ein mir entfernt bekannter Eselliebhaber hatte aus Tierschutzgründen eine vermutlich aus England stammende Eselherde aufgekauft und suchte nun Pflegeplätze.
“Warum eigentlich nicht?” fragte ich mich. Ein Stall war vorhanden, denn meine Schafe und Zwergziegen, waren inzwischen an Altersschwäche gestorben. Elfi, ein graues Langohr mit Halsstrich und Mehlmaul, war, ohne dass wir es wussten, schwanger, als sie zu uns kam.
So wurde im darauf folgenden Frühjahr Moritz geboren, ein schwarzes Fohlen mit Kakaomaul. Leider ist Moritz im jugendlichen Alter von acht Jahren gestorben.
Wenige Monate später kam Heidi zu uns, ein kleines ururaltes, graues Langohr von zarter, südländischer Gestalt, das irgendjemand irgendwem abgekauft oder abgeluchst hatte und das nun einen Platz für seine letzten Tage suchte. Also wurden die Stallungen erweitert, ein Paddock angelegt, die Weide unterteilt. Heidi hatte bei uns noch ihre letzten schönen Jahre.
Nach beider Tod verfiel Elfi in tiefe Depression, zumal sie jetzt ohne Artgenossen war. Inzwischen war klar, dass nur Nottiere bei uns einen Platz haben sollten. Sorgfältig haben wir überlegt, welcher der beste Weg wäre, um Elfi wieder Lebensmut zu geben. Eile war geboten, und es musste gewährleistet sein, das sie ihren neuen Partner mochte. Durch einen Eselverein hatte ich inzwischen ständig Kontakt zu Noteseln. So hielt Pierrot, ein junger Braunschecke, in schlechten Verhältnissen aufgewachsen und sehr scheu, Einzug bei Elfi. Obwohl wir grundsätzlich gegen Tiervermehrung sind, haben wir es in diesem Fall bewusst darauf ankommen lassen. Als wir erkannten, dass die beiden für einander Sympathie empfanden, ein Fohlen also für Elfis Wohlbefinden entbehrlich war, wurde Pierrot, sobald es die Witterung zuließ, zum Wallach gemacht. Trotzdem stand im darauf folgenden Frühjahr ein kleiner Grauschecke, Emil, auf der Weide. Damit war die Eselfamilie komplett. Nach meiner vorzeitigen Pensionierung vor ca. zehn Jahren habe ich einige Jahre lang gemeinsam mit anderen Frauen in unserer Stadt Katzenschutz betrieben, mit allem, was dazu gehört. Aus dieser Zeit stammen fünfzehn Katzen: Söckchen, Strümpfchen, und wie sie alle heißen, allesamt liebenswerte Wesen, die entweder sehr scheu oder behindert, verhaltensgestört, krank oder einfach nur alt sind. Mit Tieren bin ich aufgewachsen. Damals, in und nach dem Krieg, waren es auch bei uns sogenannte Nutztiere, Lebensmittellieferanten für Eier, Milch und Fleisch. Man durfte sie nicht lieben, ohne für verrückt erklärt zu werden, oder nur heimlich.
Eine Ausnahme war da der Hund, wenn gleich auch er Nutztier war, Wachhund, Kettenhund, zur Bewachung der anderen Nutztiere. Aber ihm durfte man sich emotional nähern, ohne abgestraft zu werden, auch ohne eine grausame Trennung fürchten zu müssen. Der Hund durfte auch nach außen Kumpel, Vertrauter, sogar Gesprächspartner sein. Seit ich denken kann, und das sind nun schon einige zig Jahre, habe ich mit Hunden gelebt. Was Wunder, dass mir jetzt, da ich selber alt werde, gerade die alten, gestörten, missachteten am Herzen liegen? Zurzeit leben drei “alte Kameraden” als Dauerpensionäre bei uns. Der zehnjährige Nero, ein Landser-Mix, ist Chef über zwei Hündinnen, die aus Lanzarote stammen: die ca. siebenjährige Melassa, ein Pyrenäen-Berghund-Mix mit wunderschönen gelben Wolfsaugen, und die achtjährige Chiqui, ein Staffordshire- Schäferhund-Mix, die, als sie zu uns kam, nicht einmal wusste, dass sie ein Hund war, geschweige ihren Namen kannte. Sie hatte auf Lanzarote ihr ganzes Leben im Tierheim verbracht.
Weiter tummeln sich am Rande mehr oder weniger regelmäßig weitere Geschöpfe, die des Schutzes und der Fürsorge bedürfen: Hühner, zusammengewürfelt aus Legebatterien und Schlachtereien, Igelwinzlinge, die im Herbst draußen für den Winter aufgepäppelt werden müssen, gelegentlich auch mal eine Gans oder Enten, die nicht wissen wo hin.
Wenn man nur auf sich allein gestellt ist, ist es oft schwierig und manchmal kaum zu leisten, den Bedürfnissen so vieler unterschiedlicher Tiere gerecht zu werden- zeitlich und finanziell gesehen. Deshalb bin ich froh, dass ich über Kontakte aus der Tierrechtsszene Andreas begegnet bin, einem jungen Mann, der handwerklich sehr geschickt ist, der inzwischen bei mir wohnt und vieles für die Tiere richten kann. Trotzdem bleibt das ganze Unternehmen allzu oft ein Balanceakt zwischen möglich und unmöglich, können und nicht können, Sein oder Nicht- Sein…
Elke
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